Rotkäppchen und der Wolf vom Griebnitzsee

Rotkäppchen - Bronzeplastik auf dem Campus Gribnitzsee. Foto: Bolko Bouché
Rotkäppchen – Bronzeplastik auf dem Campus Gribnitzsee. Foto: Bolko Bouché

Hat sich Rotkäppchen hier verlaufen? Vor dem Campus Griebnitzsee der UNI Potsdam steht die 2,30 Meter große Märchenfigur aus bemalter Bronze. Was es damit auf sich hat? Ein Student zuckt mit den Schultern. Andere posieren davor fürs Gruppenfoto und posten im Internet: Rotkäppchen (links) …

Der Wachmann aber weiß Bescheid: Rotkäppchen ist die Vergrößerung aus einer Porzellangruppe, 30er-Jahre-Design. Es steht für den Sieg des Guten über das Böse, den Wolf. Eine Anspielung auf die Geschichte des 1941 gebauten Hauses als DRK-Präsidialgebäude. DRK-Chef Ernst-Robert Grawitz war als Reichsarzt SS persönlich verantwortlich für Menschenexperimente in den KZs.  In den letzten Kriegstagen tötete er sich und seine Familie in seinem Wohnhaus (heute Karl-Marx-Straße 59) mit einer Handgranate. Bewusst wurde auf den Wolf verzichtet, man sieht aber seine Fußabdrücke auf der Sockelplatte.

Das Rotkäppchen vom Griebnitzsee spielt mit der Farbe Rot: Rotes Kreuz, Rote Armee, Rote Akademie (für Staats- und Rechtswissenschaften der DDR).  2011 wurde Rotkäppchen als „Kunst am Bau“  installiert. Urheber ist die Berliner Künstlergruppe „Inges Idee“. In Potsdam machte sie mit einem welligen Volleyballfeld auf dem Buga-Gelände von sich Reden, zeitweilig auch mit  „diebischen Elstern“ vor einem Bankgebäude in der Helmholtzstraße (heute IASS). „Ist das Kunst?“, fragt der Wachmann. Und er antwortet sogleich selbst: „Muss jeder selbst wissen, ich denke nicht.“

Wer sich eine Meinung bilden will: Die Uni Potsdam hat eine spannend zu lesende Geschichte über den Campus Griebnitzsee verfasst. Es gibt sie als Print und kostenfrei online.
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Villa Carlshagen – hier wohnte Nina Hagens Urgroßvater

Die Villa Carlshagen in Potsdam. Foto: Stefan Specht
Die Villa Carlshagen in Potsdam. Foto: Stefan Specht
Nach mehr als 20 Jahren war die Villa Carlshagen in Potsdam im September 2016 erstmals wieder öffentlich zugänglich. Bis 1990 befand sich dort eine radiologische Kinderklinik. Dann stand das Gebäude leer. Die IHK Potsdam als aktueller Eigentümer hat die Bauhülle jetzt saniert und sucht einen Käufer für den repräsentativen Bau und das dazugehörige 10.000 Quadratmeter große Grundstück am Templiner See.
Die Villa wurde um 1900 im Stil des Neoklassizismus errichtet. Aber nicht die Architektur ist bemerkenswert, die Familiengeschichte der Bewohner ist es: Bauherr war Bankier Carl Hagen. Mit dem jüdischen Familiennamen Levi geboren, führte Carl Hagen nach seiner Hochzeit den Namen seiner Ehefrau. Er war national gesinnt und nahm als Offizier am Ersten Weltkrieg teil. 1938 starb er.
Seine Söhne waren Louis Georg Hagen – ebenfalls Bankier – mit Wohnsitz in der Bertinistraße und Herrmann Hagen, der 1942 im KZ Sachsenhausen umgebracht wurde.
Der Sohn von Herrmann Hagen, Hans-Oliva Hagen, kämpfte im Untergrund gegen die Nazis, er wurde ins Gefängnis gesteckt, aber überlebte. Er zog nach Ost-Berlin, schrieb Sachliteratur und Drehbücher, arbeitete an den Defa-Filmen „Gewissen in Aufruhr“ (1951) und „Karbid und Sauerampfer“ (1953) mit, war aber auch in der DDR ein unangepasster Geist.

Aus der Ehe mit Eva-Maria Hagen ging 1955 die Tochter Nina Hagen hervor. 1977 reiste Eva-Maria Hagen wegen der Repressionen nach Ausweisung ihres zeitweiligen Lebensgefährten, des Liedermachers Wolf Biermann, zusammen mit Tochter Nina 1977 in die BRD aus. Nina Hagen setzte dort ihre Karriere als Rocksängerin fort.

Für das Haus ihres Urgroßvaters gibt es mit Stand September 2016 mehrere Interessenten.

Gambrinus grüßt vom alten Brauhaus

Brauhaus Leiipziger Straße in Potsdam. Foto: Stefan Specht
Brauhaus Leipziger Straße in Potsdam. Foto: Stefan Specht

Kontrastprogramm in der Leipziger Straße: Gambrinus, der Schutzheilige der Bierbrauer, prostet über die Straße. Er schmückt die Fassade der ehemaligen Brauerei Adelung & Hoffmann in  der Leipziger Straße 60. Die ab 1829 privat geführte Brauerei steht in der Tradition des Königlichen Brauhauses, das bereits 1716 hier in einem Kornspeicher eingerichtet worden war.

Gegenüber liegt die sanierte Speicherstadt mit Eigentumswohnungen der Groth-Gruppe – aber sie ist heute nicht unser Thema.

Wir bleiben beim Bier. Ganz in der Nähe der Brauerei, Am Havelblick 5a und in der Max-Planck-Straße, sind noch Eingänge alter Eiskeller zu finden. Bereits 1728 wurden in den Brauhausberg erste Stollen getrieben, um dort für die Kühlung bis zum Sommer Eisblöcke aus der Havel zu lagern. Der private Brauereibesitzer ließ die Keller erweitern und mit Klinker auskleiden. Dort haben inzwischen Fledermäuse ihre Winterquartiere.

Das alte Brauhaus ist heute alternatives Kulturzentrum, Archiv genannt. Dieser Name kommt von der Nutzung nach 1945 als Archiv der Bezirksfilmdirektion. 1994 besetzten links gerichtete Jugendliche das leerstehende Gebäude zum Wohnen und Feiern. 2013 wurde die Besetzung durch einen Erbbauvertrag legalisiert,  zur Zeit erfolgt die schrittweise Sanierung der Brauerei. Irgendwann wird auch die Fassade geputzt sein und nur noch Gambrinus erzählt dann noch von der Geschichte.

Potsdams kleinstes Denkmalobjekt – Ein Minibunker

Karl-Marx-Straße 24. Foto: Stefan Specht
Karl-Marx-Straße 24. Foto: Stefan Specht

Ein Relikt des Krieges steht bis heute auf dem Grundstück des Wohnhauses Lettermann, Karl-Marx-Straße 24: Eine Ein-Mann-Splitterschutzzelle. Die zylindrischen Bauten aus Stahlbeton wurden im Zweiten Weltkrieg in Fertigteilbauweise produziert und vor Ort verschraubt. Sie waren teilweise eingegraben und boten Schutz vor Bombensplittern oder Brandbomben.

Die so genannten Ein-Mann-Bunker verfügten über keinerlei Inneneinrichtung. Durch Sehschlitze konnte der Posten die Umgebung beobachten. Gebaut wurden die Minibunker, damit die Diensthabenden bei Bombenalarm nicht ihren Kontrollpunkt verlassen mussten. Sie wurden genutzt für Brandwachen in kriegswichtigen Betrieben, vor Bahnhöfen und auch bei Kriegsgefangenenlagern. In unserem Fall war der Minibunker für den Wachposten an der Toreinfahrt bestimmt.

Inzwischen sind die Splitterschutzzellen so selten, dass dieses Bauwerk zusammen mit der dazugehörigen Villa Denkmalschutzstatus hat.  Bewohner der Villa war während des Zweiten Weltkriegs Werner Naumann, dem als hohem Parteifunktionär Personenschutz zustand. Naumann war bereits 1928 NSDAP-Mitglied. 1938 wurde er persönlicher Referent von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. 1940 trat er der Waffen-SS bei und nahm am Russlandfeldzug teil.

Nach einer schweren Verwundung 1942 kehrte er ins Reichspropagandaministerium zurück, wo er rasch zum Ministerialdirektor aufstieg. Er war beim Tod Adolf Hitlers im Führerbunker. Danach tauchte er unter, lebte nach Kriegsende unter falscher Identität in Süddeutschland und knüpfte ein nationalsozialistisches Netzwerk innerhalb der FDP. Naumann wurde 1953 zeitweilig in Untersuchungshaft genommen,  jedoch stellte der Bundesgerichtshof das Verfahren gegen ihn ein.

Die Engel von der Nikolaikirche

Nikolaikirche Potsdam. Foto: Stefan Specht
Nikolaikirche Potsdam. Foto: Stefan Specht

So klein und filigran wie sie von unten aussehen, so gewaltig sind sie aus der Sicht der Aussichtsplattform: Die vier Engel von der Nikolaikirche. 2,80 Meter misst ein jeder.

Diesen Figurenschmuck verdankt die Nikolaikirche einem der vielen Zufälle in ihrer Baugeschichte. Nachdem der barocke Vorgänger 1795 durch unsachgemäßen Umgang mit einem Lötfeuer zerstört worden war, kam Karl Friedrich Schinkel mit dem Entwurf einer klassizistischen Kirche zum Zuge.

Schinkel hatte zwar die Statik berücksichtigt, aber nicht mit dem Ungeschick der Bauleute gerechnet. Diese hatten das Hilfsgerüst unter dem Tonnengewölbe zu früh entfernt, so dass es um 30 cm nachsackte. Die Außenmauern bewegten sich in der Folge um 9 cm nach außen. Mehrfach musste nachgebessert werden und zur Einweihung der Kirche 1837 – damals noch mit Satteldach – wurde der große Baumeister nicht eingeladen.

Ludwig Persius sollte 1843 die eigentlich schon von Schinkel geplante Kuppel aufsetzen.  Er stabilisierte den Unterbau und entlastete das Gewölbe. Zur Verbesserung der Statik ließ er auch die vier robusten Ecktürme anbauen, über die Schubkräfte der Kuppel abgeleitet wurden. Der Berliner Bildhauer August Kiß bekrönte die Türme mit seinen Engeln in XXL.

In rund 40 Metern Höhe scheinen sie nun über die Geschicke der Menschen zu wachen. Während der Sommermonate ist der Turm von 9 bis 21 Uhr zu besteigen. Der Eintritt kostet 5 Euro.

Potsdamer Spaziergänge – wir sagen dankeschön

Laterne und Altes Rathaus tragen das königliche Hoheitszeichen. Foto: Specht
Die Laterne und auch das Alte Rathaus tragen das königliche Hoheitszeichen. Foto: Specht

Nun ist es soweit, unser erstes eigenes Buch ist erschienen. Der Nicolai Verlag hat die „Potsdamer Spaziergänge“ herausgebracht.

Die Stadt hat sich in letzter Zeit gewaltig verändert. Zugleich ist auch das Wissen über Potsdam in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren enorm gewachsen. Das Internet und vor allem die Potsdamer selbst haben zum Erkenntnisgewinn beigetragen. Wir sind in der Facebook-Gruppe „In Potsdam aufgewachsen“ auf Themen gestoßen, die auch für uns als „Eingeborene“ neu und spannend waren. Zum Beispiel haben wir die Krönchen auf den neuen Laternen am Stadtschloss erst wahrgenommen, als sie bei Facebook auftauchten. Wir haben uns an überraschenden Kameraperspektiven erfreut und an den vielen historischen Fotoaufnahmen. Danke dafür – und keine Sorge, wir haben nix geklaut.

Uns macht Potsdam als Thema sehr viel Freude, deshalb bleiben wir dran. Im Blog potsdamentdecken.de berichten wir über aktuelle Erkenntnisse. Ihr könnt euch mit eurer Mailadresse anmelden und bleibt so auf dem Laufenden.

 

Apollo unterm Dach der Schauspielerkaserne

Der Apollofries an der Potsdamer Schauspielerkaserne
Der Apollofries an der Potsdamer Schauspielerkaserne

Hier lohnt es sich, den Blick nach oben zu lenken: Unter dem Dach der ehemaligen Schauspielerkaserne in der Posthofstraße 17 symbolisiert ein kunstvoll gestalteter Fries die Darstellungsformen des Theaters. In dem 1796 fertiggestellten Haus übernachteten Künstler nach ihrem Auftritt in Potsdam.  Sie mussten nun nicht mehr mit der Kutsche nach Berlin fahren (vier Stunden) und waren auch nicht mehr den verschiedensten Verlockungen der einschlägigen Wirtshäuser ausgeliefert.

Finanziert wurde der frühklassizistische Bau mit seinen 60 Zimmern durch den lebenslustigen König Friedrich Wilhelm II., der in Potsdam kurz zuvor schon die „Kanaloper“ bauen ließ. Architekt war Carl Gotthard Langhans, der auch das Brandenburger Tor in Berlin entworfen hat. Highlight ist das Relief unter dem Giebel, das Gottfried Schadow gezeichnet hat  – von ihm ist übrigens die Quadriga auf dem Brandenburger Tor -, die Ausführung überließ er den in Potsdam tätigen Gebrüdern Wohler.

Der Fries zeigt in der Mitte den Altar von Apollo, dem Gott der Künste, links das Sinnbild der Tragödie, ein in sein Schwert stürzender Krieger. Tanzende Figuren auf der rechten Seite stehen für die Komödie. Unterstrichen wird der Dreiklang durch die darunter angebrachten Medaillons, Apollo in der Mitte, links der traurig dreinblickende Tragödiendichter, rechts der fröhliche Komödienschreiber.

In dem 2008 aufwändig sanierten Gebäude befinden sich heute 34 Ein- und Zwei-Raum-Mietwohnungen.

 

Das Pony von der Freundschaftsinsel

Pony von Heinrich Drake
Pony von Heinrich Drake

Mit blankgeputzem Rücken empfängt das Pony die Besucher, wenn sie über die kleine Fußgängerbrücke an der Alten Fahrt kommen. Seit 1965 steht das treue Tier auf der Freundschaftsinsel, und es gibt wohl kaum einen Potsdamer, der nicht als Kind schon auf ihm geritten wäre. Auch viele Erwachsene verlockt der Anblick dazu, über den Rücken zu streichen und das glatte, kühle Metall zu spüren.

Geschaffen wurde die Plastik von Heinrich Drake, der seit den 1930er Jahren immer wieder Tiere modellierte und dabei die ihnen zugeschriebenen Wesenszüge meisterlich hervortreten ließ.

Die Freundschaftsinsel wurde für die Arbeiterfestspiele 1966 zur Freiluft-Galerie erklärt. Die Plastiken fanden so großen Zuspruch, dass die Stadt beschloss, die Insel nach und nach in einen Ausstellungsgarten umzuwanden. Jetzt, im Frühjahr, macht es besonders viel Spaß, sich alles anzuschauen.

Potsdams älteste Straßenlaternen

Jan-van-der-Heyden-Leuchte im Holländischen Viertel. Foto: Stefan Specht
Jan-van-der-Heyden-Leuchte im Holländischen Viertel. Foto: Stefan Specht

Im holländischen Viertel, in der Mittelstraße, finden wir Straßenlaternen auf kleinen hölzernen Masten. Sie wurden in den 1990er Jahren aufgestellt und sind Nachbauten aus früherer Zeit. Potsdam hat seine erste Straßenbeleuchtung dem Soldatenkönig zu verdanken, genauer gesagt, seiner Angst, die Langen Kerls würden stiften gehen. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt 1713 ließ Wilhelm I. 600 Straßenlaternen nach Potsdam umsetzen, die sein Vater zuvor in Berlin hatte aufstellen lassen. Enorm viel, denn Potsdam hatte zu dieser Zeit nur 220 Häuser.

Das Holländische Viertel bekam mit seiner Entstehung 1736 gleich eine Straßenbeleuchtung. Gehört sich auch so, schließlich ist die Straßenlaterne eine holländische Erfindung. Jan van der Heyden hatte sie ab 1669 in Amsterdam eingeführt. Was für eine Revolution, zuvor mussten die Menschen nachts eine Handleuchte mitführen, wenn sie etwas sehen wollten. Als Brennstoff diente damals Öl und in einem Brennkalender war für Potsdam festgelegt, dass bei Vollmond die Laternen auszubleiben hatten. Die Nachbauten der Jan-van-der-Heyden-Leuchten sind heute mit LED-Lampen ausgestattet.

Holländerhaus mit Tattoo

Kurfürstenstraße 7 Potsdam
Kurfürstenstraße 7

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass der Soldatenkönig das Holländische Viertel nur bauen ließ, weil ihn die aufgereihten Häuser an die roten Mützen seiner Riesengarde beim Exerzieren erinnerten. Warum aber tanzt dann dieses Haus in der Kurfürstenstraße 7 aus der Reihe?

Des Rätsels Lösung: Einem der späteren Besitzer war die preußische Antreteordnung zu langweilig und so beschloss er, seinem „Grenadier“ ein Tattoo zu verpassen. Die weiße Farbe aus dem 19. Jahrhundert hielt sich, wurde im Laufe der Zeit zum Teil des Denkmals und somit auch bei der Sanierung wieder aufgefrischt.

Und was ist nun dran an dem Gerücht? Wahrscheinlich gar nichts. Friedrich Wilhelm I. mochte die Holländer, weil sie so ordentlich und fleißig waren und weil sie es verstanden, auf sumpfigem Boden zu bauen. Davon hatte Potsdam ja bekanntlich reichlich. Die Holländerhäuser ließ er als Anreiz für Fachkräfte aus dem damaligen Musterland des Kapitalismus errichten.